Nebenwirkungen von Cannabinoiden
Einen Überblick über die Art und Häufigkeit von Nebenwirkungen einer Cannabistherapie gibt die Begleiterhebung des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) (2017–2022, 16.809 Verordnungsfälle) (1), sowie die Fachinformationen der Fertigarzneimittel Canemes® (Nabilon = THC Derivat), Sativex® (THC/CBD) und Marinol® (Dronabinol – in den USA zugelassen) (2-4). Die Begleiterhebung umfasst die Ausgangsstoffe Dronabinol, Cannabisextrakte und Cannabisblüten, sowie die Fertigarzneimittel Sativex® und Canemes®. Cannabisarzneimittel verursachen vergleichsweise häufig Nebenwirkungen. Die Nebenwirkungen sind dosisabhängig, meist nicht schwerwiegend, aber im Alltag relevant.
Häufige Nebenwirkungen von THC
Am häufigsten traten Müdigkeit, Schwindel, sowie Schläfrigkeit, Übelkeit, Mundtrockenheit und Aufmerksamkeits- bzw. Gedächtnisstörungen auf. Ebenfalls relativ häufig waren Gleichgewichtsstörungen, verschwommenes Sehen, Konzentrationsstörungen, Lethargie, Appetitsteigerung und Gewichtszunahme. Bei Cannabisblüten wurde eine euphorische Stimmung häufiger genannt (1-4). Patientinnen und Patienten berichteten zusätzlich über Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit bzw. Gewichtsverlust, starkes Schwitzen, Benommenheit, innere Unruhe, Angst, Panikattacken und Magenschmerzen (1). Nebenwirkungen wurden bei Frauen häufiger gemeldet als bei Männern (1).
Seltenere, aber relevante Nebenwirkungen
Gelegentlich wurden Erbrechen, Konstipation und Herz-Kreislauf-Effekte wie Herzklopfen (Palpitation), Herzrasen (Tachykardien), Hyper- oder Hypotonie gemeldet. Ebenso wurde von psychische Nebenwirkungen wie Depression, Suizidgedanken, Wahnvorstellungen, Sinnestäuschungen, Halluzinationen und Dissoziation berichtet.
Selten waren aggressives Verhalten, Geschmackstörungen, Albträume und allergische Reaktionen.
Unterschiede zwischen den Cannabisarzneimitteln
Bei der Inhalation von Cannabisblüten zeigten sich Appetitsteigerung und Euphorie häufiger, während – mit Ausnahme von Mundtrockenheit – alle anderen Nebenwirkungen seltener gemeldet wurden. (Anmerkung: Bei der Inhalation von Cannabisblüten gelangt der Wirkstoff sehr schnell und in höherer Konzentration direkt ins Blut. Die Leber wird dabei zunächst umgangen (Umgehung des sogenannten „First Pass Effekt“). Das verringert meist Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Nebenwirkungen. Siehe unseren Beitrag: Anwendungsarten.)
Mögliche kognitive und psychomotorische Beeinträchtigungen unmittelbar nach einer Inhalation von Cannabis sind dosisabhängig, in der ersten Stunde am höchsten und nehmen dann über etwa 24 Stunden ab. Sie betreffen die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis und Urteilsvermögen, die Wahrnehmung, verlangsamte Reaktionen, schlechtere Koordination und Leistungseinbußen in fahrähnlichen Tests (5).
Bedeutung für die Praxis
Insgesamt traten Nebenwirkungen unter Cannabistherapie häufig auf, führten aber nur selten zum Therapieabbruch, sodass man überwiegend von leichter bis moderater Ausprägung ausgeht. Insbesondere die Einschränkungen von Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und Gleichgewicht sind wichtig (z.B. im Straßenverkehr, Bedienen von Maschinen), weshalb eine sorgfältige Aufklärung und regelmäßige Verlaufskontrolle empfohlen sind.
Limitationen der Begleiterhebung
Die Menschen in der Begleiterhebung unterscheiden sich stark: unterschiedlichen Altersstruktur, Geschlechterverteilung, Hauptdiagnosen sowie Vorerkrankungen. Es ist unklar, ob eine Nebenwirkung durch die Cannabistherapie oder durch Alter, Grunderkrankung oder andere Medikamente mitverursacht wurde. Ein Präparat kann zum Beispiel „nebenwirkungsreicher“ erscheinen, nur weil es häufiger bei schwer kranken, multimorbiden oder älteren Patientinnen und Patienten eingesetzt wird. Für Dronabinol (>10.000 Fälle) konnten auch seltenere Nebenwirkungen erfasst werden; für Cannabisextrakte, Sativex und Blüten (je <3.000 Fälle) ist dies deutlich eingeschränkt. Die Erhebung erfolgte als Online-Befragung (LimeSurvey) und beruht auf ärztlicher Dokumentation. Es wurden vorgegebene 28 Nebenwirkungen per Mausklick erfasst; weitere UAW nur im Freitext. Dadurch kann eine Tendenz zugunsten der gelisteten Nebenwirkungen und zulasten seltener/unerwarteter Symptome entstehen. Die Begleiterhebung dokumentiert das Auftreten von Nebenwirkungen, nicht aber systematisch deren Schweregrad. Da Nebenwirkungen nur selten zum Therapieabbruch führten, wird „implizit“ von meist leichter bis moderater Ausprägung ausgegangen, ohne dass dies objektiv klassifiziert wurde. Es wurden ausschließlich Fälle mit Kostenübernahme durch die GKV erfasst; privat Versicherte und Selbstzahlende sind weitgehend nicht berücksichtigt. Zudem sind eine Untererfassung sowie Unterschiede im Meldeverhalten zwischen Behandelnde wahrscheinlich.
Nebenwirkungen CBD
Die verfügbaren Daten zu Nebenwirkungen von Cannabidiol (CBD) stammen überwiegend aus kontrollierten klinischen Studien bei Patient*innen mit schweren Epilepsieformen (Lennox-Gastaut , Dravet Syndrom und Tuberöse Sklerose) (6;7). Cannabidiol verursacht dosisabhängig vor allem gastrointestinale, zentralnervöse und leberbezogene Nebenwirkungen sowie metabolische Veränderungen.
Wichtige Nebenwirkungen im Überblick
- Sehr häufig: Somnolenz/Sedierung, verminderter Appetit, Diarrhö, Erbrechen, Fieber, Müdigkeit, vermindertes Gewicht.
- Häufig: Übelkeit, Pneumonie, Husten, Hautausschlag.
- Häufige relevante Laborveränderungen: dosisabhängige Erhöhungen von Leberwerten (ALT/AST), Hämoglobin- und Hämatokritabfall, Kreatininanstieg (5). Für die Lebertoxizität wurde ein LOAEL (Lowest Observed Adverse Effekt Level) von 4,3 mg/kg Körpergewicht (~300 mg/Tag bei 70 kg Körpergewicht) identifiziert (8).
Bei Patienten mit schweren Epilepsieformen, die mit CBD therapiert werden ist das Somnolenz/Sedierungs-Risiko bei gleichzeitiger Clobazam-Einnahme klar erhöht. Das Risiko erhöhter Leberwerte (ALT/AST) steigt deutlich bei gleichzeitiger Valproat- und/oder Clobazam-Therapie. Als häufige Nebenwirkung wurden Krampfanfälle gemeldet (Zunahme bzw. Verschlechterung). Es kam häufig zu Reizbarkeit und Aggression. Wie bei anderen Antiepileptika besteht ein Risiko für Suizidgedanken und suizidales Verhalten, weshalb dies überwacht werden soll (6).
Haben Sie bei sich Nebenwirkungen nach der Anwendung eines Cannabis-Arzneimittels bemerkt?
Nebenwirkungen von Cannabis-Medikamenten werden wie die von anderer Arzneimitteln gemeldet:
- Zuerst immer die behandelnde Ärztin/den behandelnden Arzt informieren, ggf. Dosisanpassung oder Therapieanpassung. Ärztinnen und Ärzte melden Verdachtsfälle von Nebenwirkungen an die zuständige Arzneimittelkommission.
- Apotheke informieren; dort kann ebenfalls eine Fachmeldung an die zuständige Arzneimittelkommission erfolgen.
- Patient*innen können auch selbst eine Online-Meldung über das offizielle Nebenwirkungsportal der Bundesoberbehörden (BfArM/PEI) unter nebenwirkungen.bund.de abgeben.
Nebenwirkungen zu melden ist wichtig, weil jede Meldung dazu beiträgt, Medikamente sicherer zu machen und Patient*innen zu schützen.
Quellen:
- Cremer Schaeffer P, Schmidt Wolf G. „Häufigkeit von Nebenwirkungen bei der Therapie mit Cannabisarzneimitteln: Ergebnisse aus der Begleiterhebung des BfArM“, Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 3/September 2022
- Sativex Fachinformation (2024); www.fachinfo.de/fi/detail/013156 (Zugriff: 17.12. 2025)
- Canemes® Fachinformation (2021); www.fachinfo.de/suche/fi/021517 (Zugriff: 16.12.2025)
- Marinol Prescribing Information (U.S.) (2023); www.accessdata.fda.gov/
drugsatfda_docs/label /2023/018651s033lbl.pdf (Zugriff: 16.12.2025) - Lucas CJ, Galettis P, Schneider J. The pharmacokinetics and the pharmacodynamics of cannabinoids. Br J Clin Pharmacol. 2018;84(11):2477 2482.
- Fachinfo Epidyolex 2024 www.fachinfo.de/fi/detail/023675 (Zugriffs Datum17.12.2025)
- Strzelczyk A, Klotz KA, Mayer T, von Podewils F, Knake S, Kurlemann G, Herold L, Immisch I, Buhleier E, Rosenow F, Schubert-Bast S. Retrospective Multicenter Chart Review Study of Adjunctive Cannabidiol for Seizures Associated with Lennox-Gastaut Syndrome, Dravet Syndrome and Tuberous Sclerosis Complex. Neurol Ther. 2025 Oct;14(5):1935-1959. doi: 10.1007/s40120-025-00788-w. Epub 2025 Jul 12. PMID: 40650804; PMCID: PMC12450151.
- Engeli, B.E.; Lachenmeier, D.W.; Diel, P.; Guth, S.; Villar Fernandez, M.A.; Roth, A.; Lampen, A.; Cartus, A.T.; Watjen, W.; Hengstler, J.G.; et al. Cannabidiol in Foods and Food Supplements: Evaluation of Health Risks and Health Claims. Nutrients 2025, 17, 489. https://doi.org/10.3390/nu17030489