Kann medizinisches Cannabis süchtig machen? Ist Cannabis eine Einstiegsdroge?

Manche Patient*innen, die eine Therapie mit medizinischem Cannabis in Erwägung ziehen fragen, ob Cannabis süchtig machen oder gar eine Einstiegsdroge für härtere Substanzen werden kann. Für den medizinisch kontrollierten Gebrauch lässt sich diese Befürchtung nur sehr eingeschränkt stützen.

Medizinischer Gebrauch vs. riskanter Konsum

Im Cannabis enthaltendes THC wirkt auf das Belohnungssystem im Gehirn, indem es kurzfristig die Dopaminfreisetzung und damit Gefühle von Euphorie, Entspannung und Motivation steigert (1). Regelmäßiger Konsum führt zum Abbau von CB1 -Rezeptoren, der Andockstelle von THC, im Gehirn (Toleranzentwicklung) und damit zu einer Abschwächung der Dopaminantwort. Dies begünstigt ein erhöhtes Risiko für eine Cannabiskonsumstörung (2; 3). Besonders hohe THC-Dosen, kontinuierliche Nutzung und Konsumbeginn bereits im Kindheits- und Jugendalter, können eine Anfälligkeit für eine Cannabiskonsumstörung und den Konsum anderer psychoaktiver Substanzen begünstigen (3).

Beim medizinischen Einsatz erfolgt idealerweise eine gezielte Indikationsstellung mit sorgfältiger Dosierung, engmaschiger ärztlicher Begleitung und systematischer Risikoüberwachung; dadurch ist das Risiko im Vergleich zum Freizeitkonsum deutlich reduziert.

Was ist eine Cannabiskonsumstörung?

In der Medizin/Psychiatrie spricht man heute meist von „Substanzgebrauchsstörung“ oder „Abhängigkeit“ statt schlicht „Sucht“.


Laut der Leitlinie „Behandlung cannabisbezogener Störungen“ liegt eine Cannabiskonsumstörung vor, wenn die Kriterien nach den gängigen Diagnosesystemen erfüllt sind: also eine Cannabisgebrauchsstörung nach DSM 5 bzw. die entsprechenden Diagnosen psychischer und Verhaltensstörungen durch Cannabinoide nach ICD 10 (F12.x) beziehungsweise künftig nach ICD 11 (4).


ICD 11 und DSM 5 beschreiben hierfür sehr ähnliche Kernmerkmale:

 

  • starkes Verlangen/Craving,
  • verminderte Kontrolle über Beginn, Menge und Beendigung,
  • Vorrang des Konsums vor anderen Aktivitäten/Interessen/Verpflichtungen,
  • anhaltender Konsum trotz körperlicher, psychischer oder sozialer Schäden,
  • häufig zusätzlich: Toleranz – und Entzugssymptome über einen gewissen Zeitraum.

Cannabisentzug Symptome

Diese können nach abruptem Absetzen bei Patienten auftreten, die über einige Wochen bis Monate täglich hochdosierte THC‑Produkte angewendet haben. Typischerweise setzen Entzugssymptome 24–48 Stunden nach Beendigung des Konsums ein, erreichen nach etwa 2–6 Tagen ihren Höhepunkt und können bis zu drei Wochen oder darüber hinaus andauern. In der Regel verläuft der Cannabisentzug jedoch eher mild und ist meist nicht mit gravierenden medizinischen Komplikationen verbunden. Häufige Symptome sind Reizbarkeit, Wut und aggressives Verhalten, Zittern, Schlafstörungen, innere Unruhe, Angst, depressive oder deutlich gedrückte Stimmung, Appetitminderung mit Gewichtsverlust, Kopfschmerzen, Schwindel, Schüttelfrost sowie Bauch‑ und Muskelschmerzen (5).

Worauf ist beim Gebrauch von medizinischem Cannabis zu therapeutischen Zwecken in Bezug auf Cannabiskonsumstörungen zu achten?

Wer medizinisches Cannabis nutzt, kann selbst viel zur Sicherheit beitragen:

  • Einnahme nur nach ärztlicher Verordnung und in der besprochenen Dosis
  • Kein zusätzlicher „Freizeitkonsum“ und keine Kombination mit Alkohol oder anderen Drogen
  • Frühzeitig Hilfe suchen, spätestens wenn der Konsum häufiger wird, sich schwer kontrollieren lässt oder die Lebensqualität (die eigene oder die von Angehörigen) darunter leidet

Was die Einstiegsdrogen Diskussion bedeutet

Bei Menschen, die harte Drogen wie z.B. Heroin konsumieren, findet sich in der Vorgeschichte häufig auch Cannabiskonsum. Das bedeutet nicht, dass Cannabis zwangsläufig zu späterem Drogenkonsum führt. Lediglich ein sehr kleiner Teil der Konsumierenden entwickelt im weiteren Verlauf hochriskante Konsumstörungen. Viele weitere Faktoren spielen hinein: Belastende Lebensereignisse, Gewalterfahrung, Genetik, psychische Besonderheiten und Erkrankungen, familiäre und soziale Probleme, früher und sehr häufiger Konsum oder Zugang zu/Umgang mit psychoaktiven Substanzen im Freundeskreis (6;7). Cannabis ist eher ein Teil eines gesamten Risikoprofils, nicht automatisch der Auslöser.

ADHS als Risikofaktor

Bei Menschen mit ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit -und Hyperaktivitätssyndrom) führt eine Dysfunktion des dopaminergen Belohnungssystems zu einem relativen Dopaminmangel, wodurch Betroffene verstärkt zu psychoaktiven Substanzen (z.B. Alkohol, Nikotin, Stimulanzien) greifen, um kurzfristig innere Belohnung, Impulskontrolle und Konzentration zu steigern (8). Dies erhöht ihre Suchtanfälligkeit, vor allem wenn zusätzlich weitere Belastungen wie Depressionen, Angststörungen oder Störungen des Sozialverhaltens hinzukommen. Das bedeutet aber nicht, dass ADHS „automatisch“ in eine Abhängigkeit führt – die meisten Menschen mit ADHS entwickeln keine Sucht, besonders wenn Ihre ADHS-Symptome früh erkannt und gut behandelt werden.

Weitere Informationen zu Prävention einer Cannabiskonsumstörung und dem Schutz von Kindern und Jugendlichen:

Infos-Cannabis.de: Infos-Cannabis.de

Cannabisprävention – Fakten für Jugendliche, Eltern, Lehrer: cannabispraevention.de

Quellen:

    1. Bloomfield, M., Ashok, A., Volkow, N. et al.The effects of Δ9-tetrahydrocannabinol on the dopamine system. Nature 539, 369–377 (2016). https://doi.org/10.1038/nature20153
    2. Hirvonen J, Goodwin RS, Li CT, Terry GE, Zoghbi SS, Morse C, Pike VW, Volkow ND, Huestis MA, Innis RB. Reversible and regionally selective downregulation of brain cannabinoid CB1 receptors in chronic daily cannabis smokers. Mol Psychiatry. 2012
    3. Connor JP, Stjepanović D, Le Foll B, Hoch E, Budney AJ, Hall WD. Cannabis use and cannabis use disorder. Nat Rev Dis Primers. 2021 Feb 25;7(1):16. doi: 10.1038/s41572-021-00247-4. PMID: 33627670; PMCID: PMC8655458.Jun;17(6):642-9. doi: 10.1038/mp.2011.82. Epub 2011 Jul 12. PMID: 21747398; PMCID: PMC3223558.
    4. S3-Leitlinie „Behandlung cannabisbezogener Störungen“ (Version 2.0, Stand 1.12.2025)
    5. Hoch, E., Preuss, U.W. Cannabiskonsum und Cannabiskonsumstörungen. Nervenarzt 95, 781–796 (2024). https://doi.org/10.1007/s00115-024-01722-5
    6. O’Dowd TM, Fleury R, Power E, Dooley N, Quinn L, Petropoulos S, Healy C, Smyth B, Cannon M. Risk and protective factors for cannabis use in adolescence: a population-based survey in schools. Ir J Psychol Med. 2024 Dec 26:1-9. doi: 10.1017/ipm.2024.28. Epub ahead of print. PMID: 39721761.
    7. Barr PB, Driver MN, Kuo SI, Stephenson M, Aliev F, Linnér RK, Marks J, Anokhin AP, Bucholz K, Chan G, Edenberg HJ, Edwards AC, Francis MW, Hancock DB, Harden KP, Kamarajan C, Kaprio J, Kinreich S, Kramer JR, Kuperman S, Latvala A, Meyers JL, Palmer AA, Plawecki MH, Porjesz B, Rose RJ, Schuckit MA, Salvatore JE, Dick DM. Clinical, environmental, and genetic risk factors for substance use disorders: characterizing combined effects across multiple cohorts. Mol Psychiatry. 2022 Nov;27(11):4633-4641. doi: 10.1038/s41380-022-01801-6. PMID: 36195638; PMCID: PMC9938102.
    8. Rohner, H.; Gaspar, N.; Philipsen, A.; Schulze, M. Prevalence of Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD) among Substance Use Disorder (SUD) Populations: Meta-Analysis. J. Environ. Res. Public Health 2023, 20, 1275. https://doi.org/10.3390/ijerph20021275