Cannabis inhalieren

Für die sichere und sachgerechte inhalative Therapie mit medizinischem Cannabis, wird die Verwendung eines zugelassenen medizinischen Verdampfers (Vaporisators) empfohlen.

Was ist ein Vaporisator?

Ein Vaporisator (englisch: vaporizer)  ist ein elektrisches Gerät, das gemahlene Cannabisblüten (z.T. auch geeignete ethanolische Cannabis-Lösungen oder bestimmte Rohextrakte) schonend auf eine definierte Temperatur erhitzt, sodass die Wirkstoffe verdampfen, ohne dass das Material verbrennt. Der Dampf wird über ein Mundstück inhaliert. Das Erhitzen ist für die Bildung der pharmazeutisch wirksamen Cannabinoide THC und CBD wichtig, da diese in den unbehandelten Cannabisblüten in ihrer Vorstufe als Säure (THCA und CBDA) vorliegen. THCA und CBDA haben eine andere pharmakologische Wirkung als THC und CBD. Eine präzise Temperatureinstellung ist wichtig, um Wirkstoffe reproduzierbar freizusetzen und die Belastung mit toxischen Verbrennungsprodukten im Vergleich zum Rauchen zu verringern.

Das eingeatmete Cannabinoid‑Aerosol wird über die Lungenbläschen in den Blutkreislauf aufgenommen. Die Wirkung setzt meist innerhalb von Sekunden bis wenigen Minuten ein und hält in der Regel etwa 2–4 Stunden an.

Welche Temperaturen werden empfohlen?

Zur Inhalation werden die Cannabisblüten zunächst auf 180°C erhitzt. Inhaliert werden mehrere Atemzüge, bis kaum noch sichtbarer Dampf entsteht. Anschließend wird die Temperatur schrittweise in 10‑Grad‑Schritten bis maximal auf 210°C erhöht. Nach jedem Temperaturanstieg wird erneut inhaliert. Sobald auch bei der höchsten vorgesehenen Temperatur keine sichtbaren Dämpfe mehr entstehen, gilt das Pflanzenmaterial als vollständig verdampft. Zu Beginn der Cannabistherapie sollten Patient*innen zunächst nur einen Zug inhalieren und 10-15 Minuten abwarten, um die Wirkung und Vertäglichkeit zu beurteilen.

Welche relevanten Wirkstoffe werden verdampft?

  • Δ9‑THC (Tetrahydrocannabinol) Verdampfungstemperatur 155–190 °C (1).
  • CBD (Cannabidiol) Verdampfungstemperatur ca. 180°C (2).
  • Weitere Cannabinoide sowie Terpene und Flavonoide, die das Wirkprofil beeinflussen können (sogenannter „Entourage‑Effekt“). Monoterpene (z. B. Myrcen, Limonen, α‑Pinene) verflüchtigen sich deutlich früher als Cannabinoide (Reumtemperatur bis 180°C). Niedrige Temperaturen erzeugen eher terpenreichen, hohe Temperaturen eher cannabinoidreichen Dampf.

Warum ist es schwierig eine klare Temperaturangabe zu machen, wann ein bestimmter Inhaltsstoff verdampft?

Wie stark ein Stoff verdampft, hängt vom Dampfdruck bei der jeweiligen Temperatur ab. Dieser steigt kontinuierlich mit der Temperatur an. THC und CBD besitzen keine festen Verdampfungstemperaturen. Stattdessen werden Temperaturbereiche (z. B. 180–210 °C) angegeben, in denen eine ausreichende klinische Freisetzung der Wirkstoffe erfolgt.

Cannabisblüten enthalten zahlreiche Cannabinoide und Terpene mit unterschiedlichen Dampfdruck‑Kurven. Dadurch variiert die Dampfzusammensetzung je nach Temperatur, Zeit, Trocknung und Lagerung (2). Auch Gerät, Luftstrom, Heizprinzip, Mahlgrad, Feuchtigkeit und Füllmenge beeinflussen die tatsächlich freigesetzte Menge an THC und CBD.

Vorteile des Verdampfens gegenüber dem Rauchen

Im Unterschied zum Rauchen wird das Pflanzenmaterial nicht verbrannt, sondern nur erhitzt. Das bietet mehrere Vorteile:

  • Deutlich weniger toxische Verbrennungsprodukte (Teer, Kohlenmonoxid, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe), die Lunge, Atemwege und andere Organe belasten und langfristig schädigen können. Vaporisieren gilt als weniger schädliche, aber nicht völlig harmlose Inhalationsform. Langfristige Daten zur Lungengesundheit sind noch begrenzt (3).
  • Höhere Effizienz: Untersuchungen zeigen, dass beim Verdampfen aus derselben Cannabismenge mehr THC im Blut gemessen wird als beim Rauchen (4). Außerdem verbrennt beim Rauchen aufgrund der hohen Temperaturen, ein Teil der pharmakologisch wirksamen Terpene, bevor sie überhaupt eingeatmet werden können. Beim Vaporisieren erhitzt man die Blüte in dem Bereich, in dem Terpene verdampfen, ohne sie durch hohe Verbrennungstemperaturen zu zerstören.
  • Besser steuerbare Temperatur, dadurch konstantere Wirkstofffreisetzung.

Vorteile gegenüber der oralen Einnahme

  • Schneller Wirkeintritt:Wirkung meist nach Sekunden bis wenigen Minuten spürbar; das Wirkmaximum wird in der Regel nach ca. 3-10 Minuten erreicht (4;5). Die Wirkdauer liegt typischerweise bei etwa 2–4 Stunden, kann aber individuell variieren. (Im Vergleich zur oralen Einnahme von Cannabisarzneimitteln, deren maximaler Wirkspiegel nach ca. 120 Minuten erreicht wird und wegen der Verstoffwechselung in der Leber zu niedrigeren Wirkspiegeln führt) (5).
  • Hohe Bioverfügbarkeit: Der Wirkstoff gelangt über die Lunge rasch und in relativ hoher Konzentration ins Blut. Ein Effekt, der insbesondere bei Schmerzspitzen und Spastiken gewünscht ist. Die Bioverfügbarkeit ist deutlich höher als bei der oralen Einnahme von Cannabisarzneimitteln. Die systemische Bioverfügbarkeit von inhalativem THC liegt bei etwa 10–35%, abhängig von Zugzahl, Zugdauer, Inhalationsvolumen, Gerät und Partikeldeposition (5;7).
  • Umgehung des First-Pass-Effekts: Die Leber (Ort der Verstoffwechselung) wird zunächst umgangen, was den sogenannten First-Pass-Effekt reduziert und dadurch weniger Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln verursacht. Dies kann mit besserer Verträglichkeit verbunden sein.
  • Fein steuerbare Eindosierung: Durch schrittweises Inhalieren können Patient*innen Wirkung und Verträglichkeit zeitnah einschätzen und die Dosis im Rahmen der ärztlichen Vorgaben gut anpassen.

Nachteile der Inhalation von Cannabisblüten

  • Überdosierungsrisiko: Die volle Wirkung der ersten Züge ist oft noch nicht vollständig spürbar. Der Höhepunkt der Wirkung wird nach etwa 3-10 Minuten erreicht. Werden in kurzer Zeit weitere Züge genommen, können hohe Blutspiegel mit starken psychischen und körperlichen Effekten entstehen (Schwindel, Übelkeit, Herzrasen/Pulsanstieg, Angst, Verwirrung/Halluzinationen oder ausgeprägter Müdigkeit). Daher sollte bei Neueinstellungen, neuen Sorten oder nach längerer Pause besonders vorsichtig dosiert werden. (Lesen Sie dazu den Beitrag Cannabisüberdosierung, Intoxikation und Entzugssymptome)
  • Feinmotorisches Geschick: Die Methode verlangt eine gewisse Fingerfertigkeit, da Blüten zerkleinert, korrekt in den Vaporisator eingebracht werden müssen und das Gerät richtig bedient, sowie gereinigt werden muss. (Auf Wunsch können wir Ihnen die Blüte zerkleinern – mit dem Zusatz NRF 22.12 auf Ihrer ärztlichen Verordnung. Mit dem Zusatz NRF 22.13 werden wir Ihnen die Blüte zerkleinern und in Einzeldosen portionieren.)
  • Pflegeaufwand: Der Vaporisator muss regelmäßig gereinigt und gewartet werden, um eine konstante Wirkung und hygienische Anwendung, sowie eine möglichst lange Lebensdauer des Geräts sicherzustellen.
  • Variabilität der Wirkung: Inhalationstechnik, individuelle Lungenfunktion und Geräteeinstellungen können Wirkung und aufgenommene Dosis deutlich beeinflussen, was zu Schwankungen führen kann.

Medizinisch zugelassene Geräte (Beispiele)

Aktuell gibt es zwei Vaporisatoren, die als Hilfsmittel zugelassen sind.

Mighty-Plus Medic
Vulcano Medic 2

Unter bestimmten Voraussetzungen übernehmen Krankenkassen die Kosten für einen als Medizinprodukt zugelassenen Verdampfer. Liegt uns eine ärztliche Verordnung vor, kümmern wir uns gerne um die Antragstellung auf Kostenübernahme bei Ihrer Krankenkasse.

Folgende Zubehör- und Hilfsmittel erhalten Sie bei uns zu den gleichen Konditionen wie direkt beim Hersteller VAPORMED.

Warum sind zertifizierte Vaporisatoren wichtig?

Vaporisatoren, die als Medizinprodukt zugelassen sind, müssen strenge Anforderungen erfüllen:

  • Nachweis einer konstanten Verdampfungstemperatur
  • Reproduzierbare Wirkstofffreisetzung
  • Nachvollziehbare Qualität von Materialien, Dampfpfad und Reinigung
  • Einhaltung der grundlegenden Sicherheits- und Leistungsanforderungen der EU‑Medizinprodukteverordnung (MDR).

Nicht zertifizierte Geräte (z. B. Lifestyle‑Vapes aus dem Freizeitbereich) bieten diese geprüften Standards häufig nicht. Mögliche Risiken:

  • Unklare oder schwankende Temperatur (Gefahr der Überhitzung, vermehrte Zersetzungsprodukte)
  • Materialausgasungen oder Verunreinigungen im Dampf
  • Schlechte zu reinigen und damit mikrobiologische Risiken
  • Kein Anspruch auf Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung

Für Verordnende und Apotheken kann der Einsatz nicht zugelassener Geräte als „Applikationshilfe“ haftungsrechtlich heikel sein, da die Eignung als Medizinprodukt nicht nachgewiesen ist.

Anwendung und Reinigung des MIGHTY + MEDIC

Sehen Sie sich hier hilfreiche Videos zur richtigen Anwendung und Reinigung an:

MIGHTY+ & MIGHTY – Anwendung (by Storz & Bickel)

MIGHTY – Reinigung (by Storz & Bickel)

Für wen eignet sich der Vulcano Medic 2?

Vulcano Medic 2 ist ein Tischverdampfer für zu Hause, geeignet für die Verdampfung von getrockneten, zerkleinerten Cannabisblüten oder auch flüssigen, in Ethanol gelösten Cannabinoiden wie z.B. Dronabinol oder bestimmter Cannabisrohextrakten. Die keramikbeschichtete Füllkammer fasst ca. 600 mg. Es sind auch Dosierkapseln für eine komfortable Befüllung erhältlich. Eine Dosierkapsel fasst ca.150mg zermahlene Blüte oder ein Stahlkissen für flüssige Zubereitungen.

Der Ballonmodus („Easy Valve“) eignet sich wohl besonders bei geringer Lungenkraft z.B. für geschwächte Patient*innen, da sie das Aerosol nur noch „aus dem Ballon heraus atmen“. Zudem ist er praktisch bei höheren Dosen oder wenn mehrere Züge ohne erneutes Aufheizen gewünscht sind. Es wird empfohlen, den gefüllten Ballon innerhalb von etwa 10 Minuten zu inhalieren Ein Ballon und Schlauch dürfen laut Hersteller bis zu 70 Anwendungen bzw. maximal 14 Tage von einer Person genutzt werden; bei sichtbarer Verschmutzung oder Geschmacksveränderung sollte früher gewechselt werden.

Im Schlauchmodus (Tube Kit) wird ein Silikonschlauch direkt an die Füllkammer gesteckt; die Pumpe bleibt aus und der Patient zieht mit eigener Lungenkraft durch den Schlauch. Das Aerosol kühlt im ca. 1 m langen Schlauch ab und kann angenehm inhaliert werden (oft als „direkter“, eher vaporizer-typischer Modus empfunden).

Quellen:

  1. Turovsky EH, Moriarty K, Chavarria N, Parco JE, Kachadourian R, Brasuel MG. Application of thermogravimetric analysis (TGA) and differential scanning calorimetry (DSC) to estimate the normal boiling points of ∆9-tetrahydrocannabivarin (THCV) and ∆9-tetrahydrocannabinol (THC). J Cannabis Res. 2025 Dec 9;8(1):9. doi: 10.1186/s42238-025-00373-w. PMID: 41366713; PMCID: PMC12802246.
  2. Eyal AM, Berneman Zeitouni D, Tal D, Schlesinger D, Davidson EM, Raz N (2023) Vapor pressure, vaping, and corrections to misconceptions related to medical cannabis’active pharmaceutical ingredients’physical properties and compositions. Cannabis and Cannabinoid Research 8:3, 414–425, DOI: 10.1089/can.2021.0173.
  3. Chaiton M, Kundu A, Rueda S, Di Ciano P. Are vaporizers a lower-risk alternative to smoking cannabis? Can J Public Health. 2022 Apr;113(2):293-296. doi: 10.17269/s41997-021-00565-w. Epub 2021 Aug 26. PMID: 34448130; PMCID: PMC8975973.
  4. Spindle TR, Cone EJ, Schlienz NJ, Mitchell JM, Bigelow GE, Flegel R, Hayes E, Vandrey R. Acute Effects of Smoked and Vaporized Cannabis in Healthy Adults Who Infrequently Use Cannabis: A Crossover Trial. JAMA Netw Open. 2018 Nov 2;1(7):e184841. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2018.4841. Erratum in: JAMA Netw Open. 2018 Dec 7;1(8):e187241. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2018.7241. PMID: 30646391; PMCID: PMC6324384.
  5. Lucas CJ, Galettis P, Schneider J. The pharmacokinetics and the pharmacodynamics of cannabinoids. Br J Clin Pharmacol. 2018;84(11):2477‑2482.
  6. Spindle TR, Cone EJ, Schlienz NJ, Mitchell JM, Bigelow GE, Flegel R, et al. Acute pharmacokinetic profile of smoked and vaporized cannabis in human blood and oral fluid. J Anal Toxicol. 2019;43(4):233‑258
  7. Grotenhermen F. Pharmacokinetics and pharmacodynamics of cannabinoids. Clin Pharmacokinet 2003; 42: 327–60.